Ein Wissensprojekt von AlpenTandem · Keine Flugschule, keine Ausbildung · Impressum

Wissen · Aerodynamik

Polare verstehen

Wie man die Polarkurve eines Gleitschirms liest und daraus die richtige Fluggeschwindigkeit ableitet.

Die Polare zeigt, wie stark ein Gleitschirm bei jeder Fluggeschwindigkeit sinkt. Auf der waagrechten Achse steht die Fluggeschwindigkeit, auf der senkrechten das Sinken. Aus dieser einen Kurve lässt sich ablesen, wie man am längsten oben bleibt, wie man am weitesten kommt und wie schnell man bei Gegenwind fliegen sollte. Probieren Sie es direkt im Polar-Rechner aus.

Die Kurve lesen

Bei sehr langsamer Fahrt ist das Sinken hoch, weil der Schirm viel Auftrieb mit hohem Anstellwinkel erzeugen muss. Mit zunehmender Fahrt sinkt das Sinken bis zu einem Minimum und steigt danach wieder an, weil der Luftwiderstand mit der Geschwindigkeit stark zunimmt. Die Kurve ist deshalb nach unten gewölbt.

Die wichtigen Geschwindigkeiten

Geschwindigkeit des geringsten Sinkens

Der tiefste Punkt der Kurve. Hier verliert der Schirm pro Sekunde am wenigsten Höhe; ideal zum Kreisen in schwacher Thermik oder um bei ruhiger Luft möglichst lange in der Luft zu bleiben. Bei vielen Schirmen liegt sie etwas unter der Trimmgeschwindigkeit.

Geschwindigkeit des besten Gleitens

Legen Sie eine Gerade vom Ursprung (0 km/h, 0 m/s) so an die Kurve, dass sie sie gerade berührt. Der Berührungspunkt ist die Geschwindigkeit der besten Gleitzahl. Sie liegt immer schneller als die Geschwindigkeit des geringsten Sinkens.

Gleitzahl berechnen

Gleitzahl = Horizontalgeschwindigkeit ÷ Sinkgeschwindigkeit, in derselben Einheit. Beispiel: 40 km/h sind 11,1 m/s; bei 1,1 m/s Sinken ergibt das 11,1 ÷ 1,1 ≈ 10, also etwa 10 Meter Strecke pro Meter Höhenverlust. Aus 1'000 m über dem Ziel reicht das in ruhiger Luft für rund 10 km.

Wind und sinkende Luft

Bei Gegenwind verschiebt man den Startpunkt der Tangente auf der Geschwindigkeitsachse um die Windgeschwindigkeit nach rechts; der neue Berührungspunkt liegt bei höherer Fahrt. Bei Rückenwind verschiebt man ihn nach links, und die beste Fahrt wird etwas langsamer. In sinkender Luft verschiebt man den Startpunkt um das Sinken der Luftmasse nach oben; auch dann lohnt es sich, schneller zu fliegen, um die schlechte Luft rasch zu verlassen.

Eine häufig genannte Faustregel für Gegenwind lautet: beste Gleitgeschwindigkeit plus etwa die Hälfte des Gegenwinds. Der Rechner zeigt, wie gut diese Regel für eine bestimmte Polare passt.

MacCready: schnell über Land

Wer Strecke fliegt, will nicht nur weit, sondern auch schnell vorankommen. Die MacCready-Theorie verschiebt den Startpunkt der Tangente um das erwartete Steigen im nächsten Bart nach oben. Je besser die erwartete Thermik, desto schneller lohnt es sich zwischen den Bärten zu fliegen.

Was die Polare verändert

  • Flächenbelastung: Mehr Gewicht verschiebt die Kurve zu höheren Geschwindigkeiten. Die beste Gleitzahl bleibt etwa gleich, wird aber bei höherer Fahrt erreicht.
  • Höhe: In dünner Luft fliegt der Schirm bei gleicher angezeigter Fahrt schneller über Grund und sinkt schneller; die Gleitzahl bleibt annähernd gleich.
  • Beschleuniger: Er ermöglicht den schnellen Teil der Kurve. Dort sinkt die Gleitzahl, und der Schirm reagiert empfindlicher auf Turbulenzen. Beschleunigen gehört deshalb in ruhige Luft und mit ausreichend Abstand zum Gelände.
  • Schirmzustand: Gealtertes Tuch und veränderte Leinenlängen verschlechtern die Leistung. Regelmässige Checks erhalten die Polare.

Schirme vergleichen

Als grobe Richtwerte liegen die besten Gleitzahlen moderner Schirme etwa bei 8 bis 9 (EN-A), 9 bis 10 (EN-B), 10 bis 11 (EN-C) und darüber bei Hochleistungs- und Wettkampfschirmen. Für die Wahl eines Schirms sind Sicherheitsklasse, Passivsicherheit und das eigene Können wichtiger als ein Punkt Gleitzahl.

Gemessene Polaren hängen von Gewicht, Luftdichte und Messmethode ab; Angaben verschiedener Quellen sind nur begrenzt vergleichbar.